Mittwoch, 6. August 2014

Selbstständigkeit fördern

Oft unterschätzen wir unsere Kindere. Wir trauen ihnen vieles nicht zu und sind dann meist überrascht, wenn sie es doch können. Und wir sind meist deshalb überrascht, weil wir sie es vorher nie probieren ließen, meist aus Angst sie könnten sich verletzen oder oft auch, weil es uns zu lange dauert und wir uns im Streß fühlen. Zum Thema Zeit hatte ich vor einiger Zeit schon etwas geschrieben. 

Die Angst, dass unseren kleinen Lieblingen irgendetwas passieren könnte, steckt tief in uns drin und dies ist auch gut so. Das ist unser natürlicher Instinkt, der sich zum Glück auch nicht abschalten lässt. Allerdings ist er ausgeprägter denn je und wir wissen nicht, dass wir unseren Kindern damit auch schaden können, obwohl wir doch versuchen sie vor Schaden zu bewahren...

Ich selbst wusste vor meinem eigenen Kind nicht wirklich viel über Babys, Kleinkinder und Kinder im Allgemeinen. In meinem familären Umfeld waren wir immer die Jüngsten, die heranwachsenden Kindern und schließlich selbst Erwachsene, aber immer noch die Kinder und Enkel der Familie. Es gab keine jüngeren Familienangehörige, die wir beim Wachsen begleiten konnten. Auch sonst kam ich mit Kindern recht wenig in Kontakt und vermied es aus Unsicherheit auch. Wie hält man Kinder, was finden sie toll? Das bedeutete, mit der Geburt des eigenen Kindes, dass ich schlichtweg ins kalte Wasser geschmissen wurde und ich mir alles selbst erarbeiten musste. Ich wusste nicht, ab wann ein Kind was können müsste und auch die vielen Ratgeber helfen mir dabei nicht wirklich, auch die Spielzeugindustrie bietet zwar angeblich tolles pädagogisch wertvolles Spielzeug an... aber wenig was dem Kind wirklich in seiner Entwicklung hilft. Durch Zufall bin ich über Maria Montessori gestolpert und staunte nicht schlecht, was die Babys und Kleinkinder der verschiedenen Blogautoren alles konnten. Wie früh ihnen bei vielen alltäglichen Dingen schon geholfen und dies auch gefördert wurde. Nicht damit sich die Eltern rühmen können, "schaut was mein Kind schon alles kann!", sondern weil es die Kinder einforderten. Diese Familien schauten genau auf die Bedürfnisse ihrer Kinder, diskutierten sie nicht weg oder vermieden bestimmte Situationen aus Angst es könnte etwas passieren. Ich war und bin es auch heute noch, sehr beeindruckt!

Sogleich begann ich nach und nach alles in unserem Alltag umzusetzen (tue ich auch heute noch!) und staunte darüber was unser Herzkind alles schon konnte oder plötzlich konnte. Ich habe zwar schon vorher vieles unbewusst nach Montessori umgesetzt, aber manches lernte ich dann auch erst zu verstehen, nachdem ich es gelesen habe. 

"Nicht jede Hilfe ist eine Hilfe!" schreibt Heidi Maier-Hauser in ihrem Buch Lieben, ermutigen, loslassen und sie hat recht! Wir halten unsere Kinder oft klein, weil wir denken sie sind eben noch zu klein, sie können das noch nicht! Damit fördern wir allerdings keine Selbstständigkeit, wir vermitteln das Gegenteil! Wir vermitteln unseren Kindern, dass wir ihnen nichts zutrauen, dass sie es sowieso falsch machen und wir hinterher doch wieder alles selbst machen müssen. Die ersten Lebensjahre sind wichtig für das gesamte Erwachsenenleben (so die Fachwelt und die Studien!), solche Erlebnisse verankern sich im Unterbewusstsein und können dazu führen, dass das Kind auch als Erwachsener unsicher und unselbstständig bleiben wird!

In dem oben genannten Buch wird als Beispiel ein 15 Monate altes Mädchen beschrieben, welches fleissig die Treppen im Treppenhaus hoch und runtersteigt. Schon alleine bei der Vorstellung wird es einigen Lesern sicher heiß und kalt und sie möchten das kleine Mädchen an die Hand nehmen und von der Treppe wegholen... aber warum? Die Mutter in diesem Beispiel sagt folgendes: "Habe ich denn das Recht, sie wegen meiner eigenen Angst von ihren Abenteuern abzuhalten? Ich denke nicht, oder?"

"Ich denke nicht"... genau! Wir müssen Loslassen und unseren Kindern zutrauen solche Aufgaben meistern zu können. Natürlich würden wir unsere Kleinen zunächst nicht komplett alleine lassen. Wir wären am Anfang des Treppenkrabbelns und Steigens direkt hinter oder vor ihnen, um sie bei Unsicherheiten abfangen zu können. Nach und nach müssen wir aber unsere Verantwortung immer mehr in die Hände der Kinder geben, sie zu ihrer eigenen Verantwortung machen, wo sie auch hin gehört. Kinder haben schon recht früh ein sehr gutes Empfinden dafür, was sie können und was nicht. Wenn man sie lässt! Wir sollten daher ruhig daneben stehen und einfach nur beobachten. Panische Ausrufe "Pass auf! - Gleich fällst du!" usw. bewirken eher, dass wir das Kind von seinem Tun ablenken und natürlich kann dann genau das passieren, was wir vorher gesehen haben... 
Die erste Zeit kann solch ein Treppenauf- oder Abstieg ewiglang werden und dauern und natürlich kann sich das Kind auch mal in einer Treppe vertun und unsicher sein, aber diese Zeit müssen wir dem Kind geben und es wird von Mal zu Mal besser und sicherer werden.

Kinder in ihre Selbstständigkeit zu begleiten ist nicht immer bequem und verlangt hin und wieder etwas Zeit und Verzicht auf unser gewohntes Arbeitstempo. Bald aber wird die ganze Familie die ersten Früchte unserer Geduld ernten können. Die Kinder werden weniger oft an unserem Rockzipfel hängen, was allen mehr Raum und Atem für entspannte Stunden gibt.
- Heidi Maier-Hauser -

Mit seinen 19 Monaten läuft das Herzkind schon seit vielen Monaten (schade, dass ich es mir nicht genau notiert habe) frei im Haus umher. Er darf alleine die Treppen steigen und ich bin schon lange nicht mehr dabei, wenn er dies tut. Ich war lange genug neben ihm gestanden und habe mich versichert, dass er in seinem Tun sicher und beständig ist. Ich habe ihm Selbstverantwortung übergeben, an welcher er stetig wachsen durfte. Er konnte Selbstvertrauen tanken und sein Selbstwertgefühl steigern. "Seht her, was ich schon kann! Ganz alleine! Und ich kann selbst entscheiden wohin ich im Haus möchte!" 
Ich muss ihn aus keinem Spiel mehr heraus nehmen, weil ich in ein anderes Stockwerk muss und ihn nicht alleine lassen kann oder weil er sich durch das Türschutzgitter zurückgelassen und weggesperrt fühlte. Heute weiß er, er kann direkt mit- oder später hinterherkommen, wenn er möchte. Er kann entscheiden. Und selbst Entscheidungen zu treffen, ist ein großer und wichtiger Schritt zur Autonomie und zum Erwachsen werden.

Anbei noch ein kleines Video und ein erklärender Text zum Treppenkrabbeln mit Kleinkindern: *klick*


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Kommentare:

  1. Großartiger Artikel! Seh ich genau so. Hier meine Erfahrungen damit

    http://blog.familo.net/familie/mama-macht-das-schon-oder-lieber-nicht/

    Viele Grüße, Katharina

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    1. Hallo Katharina,

      danke schön!
      Ebenfalls einen schönen Artikel hast du geschrieben :)

      Liebe Grüße, Sabrina

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  2. Danke liebe Sabrina! Der Artikel kommt heute wie gerufen. Ich stimme dir komplett zu und versuche im Alltag meinen Sohn (1 1/2) so viel wie möglich selbstständig tun zu lassen, auch mit der 'Gefahr', dass er sich vielleicht mal einen blauen Fleck etc. einhandelt. Natürlich möchte ich nicht, dass er sich verletzt, aber kleine Unfälle verhindern große Unfälle. Allerdings merke ich, dass er schon so vieles prima meistern kann, wenn man ihn einfach nur in Ruhe machen lässt.
    Sehr schwer tut sich aber die Oma damit! Mein Sohn ist oft und auch gerne bei ihr und ich finde es ganz toll, dass er so eine innige Beziehung zu ihr hat. Aber es kommen ständig Sätze wie 'Pass auf!', 'Mach langsam!', 'Gleich machst du Aua!'. Ich habe ihr schon oft versucht zu erklären, wie kontraproduktiv das ist, aber sie kann es nicht abschalten. Da prallen wieder die Generationen aufeinander ;-).
    Wie ist das bei Euch? Das Herzkind wird ja von den Großeltern nun betreut...gehen diese den Montessoriweg mit?

    Liebe Grüße
    Nadja

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    1. Hallo Nadja,

      ja, die Großeltern... ich muss sagen, dadurch das sie im Grunde alle auch die Texte hier lesen und sehen, wie toll sich der Zwerg entwickelt, setzen sie auch viel von meinen Überzeugungen um. Natürlich tauchen auch immer wieder "alte Floskeln" auf, auch Dinge, die du genannt hast, eben weil es einfach so drin ist. Sie denken sich ja oft nichts dabei, ich erkläre es dann immer wieder.
      Meine Großeltern, also seine Urgroßeltern, die er ja nun unter der Woche auch täglich sieht, sind da natürlich noch "veralteter" und haben gerade bei dem Treppensteigen ständig Panik und sehen ihn stürzen, dabei ist er nun schon 2 Jahre alt.... hach, solange sie nicht eingreifen, bleibe ich ruhig, ansonsten sage ich, sie sollen ihn bitte machen lassen und auch nicht ständig auf ihn einreden... Aber mit deutlich über 80 Jahren... ich drück ein Auge zu ;)

      Liebe Grüße, Sabrina

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