Mittwoch, 9. Dezember 2015

Unbewusste Übergriffigkeit am Kind

Auf meiner Facebook-Seite teile ich viele Artikel anderer toller Blogger, in denen es um die Achtsamkeit mit Kindern und allgemein auch die Bedürfnisse von Kindern und den Umgang mit ihnen geht.
Vor kurzem erhielt ich darauf eine Reaktion, in welcher eine Mutter fragte, warum wir Mütterblogs, denn immer wieder auf solchen Themen zurückkommen, denn Mütter, die genau unsere Blogs lesen würden, wüssten ja um die Bedürfnisse ihrer Kinder und wären auch achtsam. Die Eltern, die diese Artikel wirklich lesen müssten, würden diese Artikel garnicht erreichen...

Das mag vielleicht sein, aber ich sehe auch immer wieder an den Reaktionen und Kommentaren meiner LeserInnen, dass auch jedes achtsame und bedürfnisorientierte Elternteil an Grenzen kommt, bei denen es verunsichert ist und nicht mehr weiter weiß. Artikel über genau diese Themen können weiter helfen und einen neuen Blickwinkel eröffnen, der einem in diesem Moment vielleicht verschlossen war. Wie oft haben mir selbst bestimmte Artikel geholfen, nochmals anders über eine bestimmte Situation nachzudenken, sie beim nächsten Mal anders anzugehen und daraus zu lernen. Wie oft erhielt ich Kommentare zu eigenen Artikel, in denen sich Mütter bedankten für meine Worte und das sie sehr wichtig in ihrer jetzigen schwierigen Situation waren.

Ich sehe daher keineswegs, dass diese vielen wundervollen Artikel zu Themen der Achtsamkeit und bedürfnisorientiertem Leben unnötig wären. Sie kommen für viele Eltern immer wieder genau richtig, um darüber nachzudenken, um zu verstehen, um zu lernen. Als Eltern kommen fast täglich neue Situationen auf uns zu, die wir so nicht kennen und über die wir nicht selten auch stolpern. Wir reagieren oft nicht so, wie wir es gerne getan hätten und stecken dann auch mal verfahren und unglücklich fest. Wenn es weder vor noch zurück geht, ist es toll andere Meinungen und Ideen zu lesen. Sie können helfen!

Nun zu meinem Titelthema: Übergriffigkeit!

Sicherlich werden jetzt viele an das Schlimmstmögliche denken. Aber Übergriffigkeit ist nicht gleichbedeutend mit körperlich/sexuellen Übergriffen am Kind bzw. am Menschen, sondern beginnt schon viel früher und oft tun wir dies, ohne das wir uns dessen bewusst sind. Gerade bei Kindern geschieht es häufiger als wir denken und doch tun wir es! Wir sind übergriffig und verletzen damit unbewusst unsere Kinder. Unsere Kinder reagieren darauf sogar meist prompt und doch bringen wir es nicht miteinander in Verbindung.

Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit mit dem Herzkind:

Wir sind im Supermarkt und das Herzkind will sich seine Laugenstangen alleine mit der Zange aus dem Fach herausholen. Dafür muss ich ihn in den Einkaufswagen stellen. Eine Verkäuferin der Wurst-Theke bermerkte das und bot mir an, meinen Sohn wieder aus dem Wagen heraus zuheben, im hochschwangeren Zustand sollte man das ja nicht machen. Ich bedankte mich und erwiderte, dass ich das schon noch schaffe. Die Dame war allerdings so ambitioniert, dass sie darauf nicht wirklich einging und ehe ich mich versah, hob sie das Herzkind schon aus dem Einkaufswagen, unter viel Protest durch ihn. Er wehrte sich und weinte dabei. Ich konnte mit dem dicken Bauch garnicht mehr so schnell reagieren, wie die Situation schon vorbei war. Von der Verkäuferin kam dann "Jaja, die Kinder und ihre Eigenarten..." sicherlich mit dem Hintergedanken, dass sich das Kind aber gerade unnötigerweise so anstellte. Ich erklärte der Dame sofort, dass sie meinen Sohn weder gefragt hat, ob er von ihr herausgehoben werden möchte, noch auf eine Antwort oder Reaktion gewartet hat und man das nicht macht und er nun zurecht weint und verstört ist. Ich erklärte, dies auch meinem Sohn, dass die Frau mir helfen wollte und ihn aber hätte fragen müssen und ich verstehe, dass er nun traurig ist. Die Verkäuferin war sichtlich verwirrt, sie hatte wohl eine andere Reaktion von mir als Mutter erwartet und bot meinem Sohn als Entschuldigung eine Scheibe Wurst an und das sie für das nächste Mal einen Stuhl bereit stellen wird.

Für meinen Sohn war diese Frau nun "böse", er erwähnte es während des restlichen Einkaufes und auch noch den ganzen Abend immer wieder. Diese Frau war "böse", sie hat ihn einfach genommen, obwohl er es nicht wollte. 

Das ist ein Beispiel, welches zeigt, wie sehr wir und die Gesellschaft doch noch in alten Mustern steckt, die so oft kleine Kinder noch nicht als vollwertige Personen ansieht und über welche bestimmt werden kann bzw. die eben, weil sie so klein sind, doch noch garkeine eigene Meinung haben können. Die Reaktion meines Kindes zeigt da deutlich ein ganz anderes Bild. Dies wird dann aber gerne mit "Eigenarten" oder "Launenhaftigkeit" hinweg gewischt, anstatt darüber nachzudenken, warum das Kind nun so reagieren könnte.

Im Alltag gibt es hierzu viele weitere Beispiele. Oft ist es die wenige Zeit, die wir uns in so manchen Situationen nehmen und die dann zu einer Eskalation führen können. Wir haben Termine, wollen schnell aus dem Haus und die Kinder müssen nun funktionieren. Wir sind übergriffig, in dem wir ihnen schnell die Klamotten an- und ausziehen bzw. Jacken schließen, Schuhe überstreifen usw. Wir wundern uns dann, sind oft auch verärgert, wenn die Kinder sich dabei wehren, nicht mitarbeiten und sich dadurch alles verzögert. Aber wollen wir denn, dass über uns so bestimmt wird? 

Wir übernehmen Handgriffe für unsere Kinder, die diese vielleicht schon längst selbst könnten und wundern uns, wenn sie dann wütend reagieren. Wir nehmen ihnen das Glas aus der Hand, weil wir Angst haben es könnte herunterfallen. Wir lassen sie nicht mithelfen im Haushalt oder beim Kochen, da wir denken, sie sind dafür zu klein oder es würde zusätzliche Arbeit und Dreck machen. Wir sind übergriffig, wir bestimmten!

Wir legen ihnen als Babys Windeln an und geben ihnen einen Schnuller und irgendwann wollen wir darüber bestimmen, wann sie Windel und Schnuller noch brauchen. Wir wollen darüber bestimmen, wann sie in ihren eigenen Betten zu schlafen haben oder das es nun an der Zeit ist, mit Messer und Gabel zu essen und nicht mehr mit den Fingern. Wir werden übergriffig, wir bestimmen!

Nicht jedes dieser Beispiele, trifft auf jede Familie zu. Es sind nur Beispiele, aber ich weiß, sie kommen vor. Sie sind noch regelmäßiger Bestandteil in vielen Familien, Streßfaktoren und Missverständnisse zwischen Eltern und ihren Kindern. Wir Eltern sehen oft nicht, was nun genau das Problem unserer Kinder ist, wenn sie auf diese Übergriffigkeiten zurecht wütend, traurig und empört reagieren. 
Wir denken so oft, dass wir doch achtsam und bedürfnisorientiert sind, aber es wird immer Situationen geben, in denen wir es auch mal nicht sind und unsere Kinder uns den Spiegel vorhalten. Wir müssen den Spiegel nur erkennen!

Damit schließt sich mein Kreis und meine Antwort auf den Kommentar einer Mutter, die meinte solche Artikel sind doch unnötig. Solche Artikel halten uns den Spiegel vor, regen uns zum Nachdenken an und werden solange nötig und wichtig sein, wie es solche Situationen in jeder Familie noch geben wird. Sie sind Hilfestellung, keine Verurteilung. Wir sind oft mit ganz anderen Erziehungsweisen groß geworden, die uns triggern und es uns schwer machen, das wirkliche Verhalten unserer Kinder zu verstehen. Übergriffigkeit und auch andere Verletzungen unserer Kinder geschehen oft unbewusst durch uns als Eltern oder auch durch Menschen, wie die oben genannte Verkäuferin. Wir lernen und arbeiten an uns, jeden Tag und ich persönlich freue mich über jeden Artikel, über jede Erfahrung anderer FamilienbloggerInnen, die mir helfen, mein Kind besser zu verstehen.


Kommentare:

  1. ja, es ist schwierig, immer achtsam zu sein. Es gibt ein paar Dinge, da stoße ich immer wieder an die Grenzen meiner Achtsamkeit und Geduld. Zähneputzen z.B. Das muss einfach sein. Und er (3 Jahre) kann und will und macht es einfach nicht. Allerhöchstens mal die Kauflächen und ansonsten isst er einfach nur die Zahnpasta runter. Und ja, meistens darf ich dann einvernehmlich mit ihm und mit singen und spielen seine Zähne nachputzen. Oft aber auch nicht. Und das ist, ja ganz genau, immer dann, wenn wir es eilig haben. Und es ist nicht so, als wenn wir ihm sonst nicht genügend Zeit lassen würden. Er darf sich selbst anziehen, bekommt Unterstützung, wenn er sie braucht, er darf sich Zeit lassen beim Frühstücken und auch noch Buch lesen oder spielen. Aber um viertel vor neun muss er fertig sein mit allem. Da ist es egal, ob wir um 6 Uhr aufstehen oder erst um 8 Uhr. In Zeitdruck geraten wir immer. Und das ist schrecklich. Und dann muss ich ihn mir unter den Arm klemmen, ihn festhalten und ihn fast schon zwingen, den Mund aufzumachen. Da reagiert er dann auf keine Zahnputzspielchen mehr. :( HInterher fühlen wir uns beide schlecht. Das ist doch kein schöner STart in den Tag. Wie kann ich das besser lösen? Was mich auch wahnsinnig macht momentan, ist sein Trieb, ständig überall alles umzubauen. Er verschiebt Möbel, baut mit Kissen, Kisten, SPielzeug, Stühlen. Er baut Barrieren (Versperrungen wie er sagt), Häuser und Zäune. Dann dekoriert er mit Handtüchern und Servieten. Kreativität und Ausleben in allen Ehren. Wenn am Ende des Tages in jedem Zimmer der Wohnung alles im Chaos ist oder ich nur noch von einem Raum zum anderen renne, um hinter ihm aufzuräumen, dann macht mich das nur noch fertig. Da kann ich auch nicht nur achtsam sein und ihm seine Freiheit lassen. Da sind dann nämlich meine Grenzen überschritten, wenn ich mich in unserer gemeinsamen Wohnung nicht mehr bewegen kann und die Stühle nicht mehr benutzen darf, wo ich sie brauche... usw. ach es gibt noch viel mehr beispiele, aber Baby weint... Wir sind schließlich zu viert, da kann man nicht immer nur auf einen achten.

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    1. Das Problem mit dem Zähneputzen z.B. kenne ich auch - bei uns ist es zurzeit auch noch das An- und Ausziehen. Ich versuche wirklich, meinem Sohn (2,5 Jahre) viel Zeit zu lassen, alles mit ausreichend Vorlauf anzukündigen, auf seine Kooperation zu erwarten. Aber wenn sich am Abend das Zubettgehen immer weiter verzögert oder wir es am morgen dann eilig haben (ja, egal wann wir aufstehen, auch bei uns ist es dann zum Schluss fast immer hektisch), dann merke ich, wie meine Geduld schwindet. Dann schaffe ich es teilweise auch nicht mehr, achtsam zu sein und ihn selbst machen zu lassen bzw. nur mit seinem Einverständnis etwas zu tun. Dann schimpfe ich mit ihm, werde auch mal lauter, und nutze auch meine körperliche Überlegenheit zum Zähneputzen oder Ausziehen ("klemme ihn mir unter den Arm"). Das führt natürlich zu größtem Protest und wilder Gegenwehr - und auch ich fühle mich nicht gut dabei. In solchen Momenten, wenn ich schon seit langem erfolglos versucht habe, meinen Sohn zur Mitarbeit zu bewegen, weiß ich dann aber oft keine gute Lösung mehr, vor allem unter Zeitdruck. Für Tipps und Ideen bin ich daher auch dankbar! :-)

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    2. Achtsamkeit ist wichtig. Aber sie hat Grenzen. Häufig muss ein Kind Dinge tun, die es nun mal gerade nicht will (anziehen, Zähne putzen lassen, die Liste könnte lang werden). Und es ist schlicht nicht möglich, dem Kind die Zeit zu lassen, die es bräuchte. In diesen Fällen kann ich nur eins tun: wahrnehmen, dass ich dem Kind etwas aufzwinge, erklären, warum ich das tue (die Zähne MÜSSEN jetzt geputzt werden, du hast Schokolade gegessen - wir müssen jetzt beide Schuhe anziehen und in den Kindergarten fahren), formulieren, dass man weiß wie dämlich sich das fürs Kind anfühlt (ich sehe du möchtest das nicht, aber wir können nicht länger warten), tief durchatmen und das schlechte Gewissen sausen lassen.

      Kerstin

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  2. Hallo ihr Lieben,

    MÜSSEN die Zähne wirklich geputzt werden? Da beginnt schon die Frage?
    Gerade wenn das Kind doch so gut wie immer mitmacht und manchmal eben nicht möchte, wird dies der Zahngesundheit keinen Abbruch tun, wenn man das Zähneputzen auch mal ausfallen lässt.

    Wenn man immer Zwang anwendet und das Kind sogar dabei festhält, was wirklich sehr übergriffig ist, dann wird das Kind natürlich immer mehr Zähneputzen mit etwas Schrecklichem verknüpfen und das Zähneputzen an sich wird und kann dann nicht besser werden.

    Gerade wenn mein Sohn abends hundemüde ist und wir den Zeitpunkt verpasst haben, ihn rechtzeitig bettfertig zu machen und ich merke er wehrt sich gegen das Zähneputzen und will es nicht, dann tue ich uns beide diesen Streß und diese Übergriffigkeit nicht an. Wir lassen es ausnahmsweise ausfallen und das teile ich ihm dann auch so mit. Wir holen es nach. Am nächsten Morgen müssen schließlich auch schon wieder Zähne geputzt werden oder wenn es eben morgens einmal nicht klappt, dann holt man es mittags nach usw.
    Sich auf das MUSS zu versteifen, wird nicht dazu führen, dass sich schwierige Situationen verbessern werden.

    Ich muss genau dann achtsam in gerade diesen Situationen sein und überlegen, was MUSS wirklich sein, kann ich es zu einem anderen Zeitpunkt tun. Ist mein derzeitiger Tagesablauf wirklich so gut, wie ich dachte oder muss ich daran doch etwas ändern, wenn wir IMMER am Ende in Streß geraten.
    War hier ähnlich morgens, es war fürchterlich, es wurde immer schlimmer, das mein Sohn nicht aufstehen wollte, nicht mithelfen wollte beim Anziehen usw. Obwohl ich dachte, ich ließe mir doch genügend Zeit, stellte ich nochmal alles um, führte andere Dinge ein, ließ anderes weg und plötzlich läuft es hier morgens richtig gut!

    MÜSSEN die Schuhe jetzt wirklich angezogen werden? Oder lass ich das Kind einfach mal strümpfig zum Auto laufen? Meiner würde noch bevor er richtig draußen wäre, gerade bei Regenwetter, merken, er sollte doch besser die Schuhe anziehen ;)

    MUSS die Jacke jetzt unbedingt angezogen werden? Sollte ich das einfach mal mein Kind entscheiden lassen? Dann klemm ich mir die Jacke unter den Arm und warte einfach darauf das mein Kind merkt, es ist ihm doch zu kalt und er wird danach verlangen. Sollten wir unsere Kinder diese Erfahrung nicht machen lassen, bevor wir übergriffig werden? Wir können hier einiges an Eskalation und damit Streß vermeiden.

    Das Gemeine daran ist nur, dass sich das natürlich auch jederzeit mit den Kindern wieder ändern kann und auch Rituale und Vorgehensweise garnicht so einfach von einer Familie auf die andere übertragen lassen. Jede Familie muss da ihren Weg finden, wie sie achtsam miteinander umgehen können, ohne eben übergriffig werden zu müssen.

    Liebe Grüße, Sabrina

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  3. Hallo
    Das mit dem zähne Putzen war auch bei uns lange Zeit ein großes Problem.
    Da ich mich sehr für alternative Bildungsmögkichkeiten interessiere, stieß ich irgendwann auf ein Interview mit André Stern. Dabei ging es einerseits um Vertrauen in unsere Kinder und andererseits um Vorleben.
    Seitdem sagen wir ihm immer Bescheid, dass wir jetzt zusammen Zähne putzen gehen. Anfangs unbeeindruckt kam er irgendwann von allein dazu. Und nun ist es ein Ritual. Auch das putzen auf Höhe des Kindes hat dabei sehr geholfen, weil er genau beobachten konnte wie wir das machen und genau das will er auch. Alles ist entspannter. Und wenn mal an einem Tag zu müde ist oder einfach nicht will, dann Falken ihm davon nicht die Zähne aus...
    Ich bin froh über solche Artikel. Und wenn manche Themen zum hundert mal durchgekaut werden. Solange sie auch nur einem Kind und seinen Eltern helfen :)
    LG

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