Mittwoch, 23. Juli 2014

Montessori ist oft so weit weg...

Ich muss euch heute von einem Erlebnis gestern erzählen. Ein Erlebnis, welches mich so traurig macht und zeigt, dass für viele Maria Montessori einfach nur eine Frau in der Vergangenheit ist. Wenn sie sie denn überhaupt kennen. Und die damit verbundene Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Kinder ebenfalls...

Das Herzkind und ich sind gestern zum Möbelschweden gefahren, ein Land der unbegrenzten Montessori- und Stoffwindelmöglichkeiten... dazu aber ein anderes Mal mehr! Nachdem wir uns durch alle Bereiche durchgearbeitet und bezahlt haben, strebten wir noch etwas zu Essen an. Wir machten es uns damit gemütlich und knabberten die leckeren Tomaten-Mozzarella-Taschen. Ich brach sie dem Herzkind in Stücke, da sie Innen immer so verdammt heiß sind. Ich legte die Stücke auf eine Serviette und reichte sie ihm. Er bediente sich selbstständig, beobachtete dabei interessiert die Umgebung und die Leute und trank zwischendurch auch aus seiner Wasserflasche. Kein Streß, alles absolut relaxt.

Dann hörte ich hinter einer der Säulen plötzlich ein Aufweinen, gefolgt von einem "Wenn du so weiter machst, bleibst du eben einfach hier! Ich hab hier keine Lust mehr drauf!" Mutter und Oma kamen zum Vorschein und ein Stück dahinter ein trauriges kleines Mädchen. Was müssen solche Sätze für Ängste auslösen? Alleine gelassen werden, obwohl die Kleinen wissen, wie abhängig sie von uns Erwachsenen noch sind. Nachdem ich diese Szene weiter beobachtete erkannte ich auch das eigentliche Problem. Die beiden Erwachsenen haben etwas zum Essen gekauft, die Kleine mochte dies natürlich essen, allerdings selbst essen und nicht nur aus der Hand der Oma. Als sie dies immer wieder andeutete, selbst essen zu wollen, wurde nur von Mutter und Oma im scharfen Ton entgegnet sie soll abbeißen, sie würde sich sonst nur schmutzig machen...
Das kleine Mädchen trottete unglücklich hinter seiner Familie her. Unglücklich nicht alleine essen zu dürfen, unglücklich nicht über sich selbst entscheiden zu dürfen, unglücklich darüber, dass es für nicht fähig erklärt wird zu essen, weil es sich schmutzig machen könnte...

Ich schaute mein Kind an, welches so völlig entspannt seine Tomaten-Mozzarella-Taschen knabberte und sein einziges Problem war, dass ich kein weiteres Leitungswasser eingepackt hatte (Trinkflasche war schon leer) und ihm das von mir gegebene Mineralwasser in der Nase bitzelte.

Natürlich, ich mag es auch nicht, wenn die Klamotten vom Herzkind dreckig sind. Also gerade diese hartnäckigen Flecken, die man zig mal Einweichen muss und bearbeiten darf, bis sie mal wieder draußen sind. Aber ihm deswegen die Selbstständigkeit verweigern? Wie soll er dann überhaupt lernen immer besser und sicherer zu essen? Warum nimmt man nicht einfach Ersatzkleidung mit oder große Lätzchen, die man dem Kind umlegt beim Essen? Tja, hier wäre man wieder selbst in der Verantwortung die Umgebung für das Kind vorzubereiten... bevor man sich aber solche Arbeit macht, lässt man lieber ein kleines unglückliches Kind zurück.... das sich dann auch noch selbst verantwortlich fühlt an dieser Situation, weil es kann ja nicht essen, es würde sich sonst dreckig machen...

Wieso machen es sich Eltern so schwer? Wieso tun sie zwar so, als wollen sie selbstständige Kinder, aber fördern es doch nicht? Wo ist Maria, wenn man sie braucht? Sie hat das alles schon in ihrer Zeit so wunderbar erklärt und auf den Punkt gebracht:

Wir dienen den Kindern. Eine servile Handlung ihnen gegenüber ist nicht weniger fatal als eine Handlung, die danach strebt, ihre nützlichen, spontanen Bewegungen zu ersticken.
Wir halten die Kinder für leblose Puppen, wir waschen und füttern sie, wie sie es mit Puppen tun. Wir denken nie daran, dass ein Kind, das etwas nicht tut, dies auch nicht tun kann, es aber später tun muss, und von Natur aus über alle Mittel verfügt, es zu lernen: Unsere Pflicht ihm gegenüber besteht schließlich darin, ihm behilflich zu sein, sich eine nützliche Handlungsweise zu eigen zu machen. Die Mutter, die das Kind füttert, ohne die geringste Mühe daran zu wenden, ihm beizubringen, wie man einen Löffel hält und den Mund sucht, oder, während sie selbst isst, es nicht mindestens auffordert, zuzuschauen, wie sie es macht, ist keine gute Mutter. Sie beleidigt die Menschenwürde ihres Kindes, behandelt es wie eine Puppe, während es doch ein von der Natur ihrer Fürsorge anvertrauter Mensch ist. Wer sollte wohl nicht verstehen, dass es einer sehr langwierigen, schwierigen und geduldigeren Arbeit bedarf, ein Kind zu lehren, wie man isst, sich wäscht, sich anzieht, als es zu füttern, zu waschen und anzuziehen?
Die erstgenannte Aufgabe ist die des Erziehers, die zweite, die niedrige und leichte, ist die des Knechtes.

- Maria Montessori -

Nachdem das Herzkind übrigens völlig "unfallfrei" seine Tomaten-Mozzarella-Tasche verdrückt hat (Übung macht eben den Meister!), gab es noch ein lecker Eis hinter her, welches er voller Glückseligkeit knusperte.... ich bekam auch ab und zu etwas davon ab ;)




Kommentare:

  1. Ich sehe das ähnlich wie du - Kinder sollten möglichst selbstständig leben und handeln dürfen (auch wenn ich es nicht schlimm finde, dass sie ebenso lernen, dass es im Leben auch Regeln gibt, nach denen wir uns manchmal richten müssen) Dennoch macht mich diese Schilderung nicht traurig. Du hast eine Momentaufnahme im Alltag dieser Familie erhascht. Einen winzig kleinen Fitzel nur, ohne die Familie, sonstige Gewohnheiten, das Ganze, die aktuelle Situation (hatten sie gerade Stress? Macht das Kind normalerweise nur Quatsch mit dem Essen? Mussten sie danach noch wohin? etc.etc.etc.) zu kennen. Dies hat in dir ein Bild ausgelöst, das dich traurig machte, das aber möglicherweise falsch, oder ganz sicher sehr verzerrt ist. Ich kenne auch eine Familie, da werden die Kinder noch mit 4 Jahren manchmal mit dem Frühstücksbrötchen und der Trinkflasche (!) gefüttert. Ich war erstmal baff, als ich das sah. Aber das sind liebende Eltern und glückliche Kinder! Die manchmal mit dem Essen nur Quatsch machen, rumwerfen, kaspern und mantschen. Und an manchen Tagen oder in manchen Situationen haben die Eltern darauf einfach keine Lust oder keine Nerven (vor allem außerhalb der eigenen 4 Wände!) Ich finde es toll, wie locker du mit deinem Kind umgehst und wie du auf seine Bedürfnisse eingehst. Das ist euer Weg. Aber es gibt eben auch viele viele andere und die sind nicht besser oder schlechter, sondern eben genau das - anders. Wir Mütter sollten das nicht bewerten, sondern einfach akzeptieren. Denn die anderen Eltern lieben ihre Kinder genau so wie wir und wollen genau wie wir das Beste für sie.

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    1. Hallo Mamamania,

      vielen Dank für deine Schilderung! Ja, es war defintiv eine Momentaufnahme, die mich traurig gemacht hat. Natürlich weiß ich nicht, ob das Kind generell Faxen beim Essen macht und wie die Familie sonst mit ihrem KInd umgeht. Alleine allerdings der Tonfall und das Ausgrenzen des Kindes hat mir nicht behagt und es sollte auch nur ein Beispiel dafür sein, wo man in der Regel Streß vermeiden könnte. Denn oft entsteht dieser ja nur, weil man seinem Kind Bedürfnisse verweigert. Wichtige Bedürfnisse die es zum Lernen und Reifen benötigt. Das es überall Grenzen gibt ist richtig, wenn es sinnvolle Grenzen sind.

      Liebe Grüße, Sabrina

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  2. Besser hätte ich es nicht schreiben können Mamamania! LG Marlen

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  3. Montessori heißt ja nicht komplett frei von Regeln. Bei uns will Sohnemann (18 Monate) mit seinem Besteck essen (oder besser gesagt, er versucht es). Er darf das gern probieren wenn er Lust drauf (manchmal bevorzugt er die Finger), allerdings gibt es zb die Regel, nur mit dem Messer in Streichwaren zu gehen und nicht mit den Fingern und außerdem das Messer nicht abzulecken. Er kann immer beim Essen frei entscheiden wie er es zu sich nehmen will, hat aber kleine Vorgaben an die er sich (bis jetzt?) auch immer hält.

    Aber nochmal zur beobachteten Situation, ich gebe Sabrina recht, der Ton macht die Musik. Wenngleich man nicht auf das ganze Familienverhältnis schließen kann. Mich machen solche Beobachtungen aber auch immer traurig.

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    1. Hallo Claudia,

      das hast du schön geschrieben! Ich glaube, in dieser Hinsicht wird Montessori oft falsch verstanden. Wie du schon schreibst, die Erziehung zur Freiheit und Selbstständigkeit ist nicht frei von Grenzen und Regeln, diese ergeben sich alleine schon dadurch, dass jeder Mensch Grenzen hat, dass es beschränkte Ressourcen gibt usw.
      Vielleicht schreib ich dazu auch mal etwas, damit das eben nicht missverstanden wird :)

      Liebe Grüße, Sabrina

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  4. Hallo Sabrina!
    Mich berühren solche Beibachtungen auch immer. Sicherlich ist der Einwand der Momentaufnahme berechtigt, macht die Habdlung der Erwachsenen dadurch aber nicht besser. Ich frage mich häufig, wie mit den Kindern zu Hause ohne Publikum umgegangen wird. Genauso oder noch harscher?
    Wir handhaben es hier ähnlich wie du es beschreibst. Motte wird der große Ikealatz angezogen und dann kann sie essen. Neulich bekamen Bekannte das mit und äußerten zu der mittelfroßen Sauerwi, dass sie eben aus dem Grund ihr gleichaltriges Kind immer füttern würden. Wenige Mibuten später waren sie aber begeistert wie selbstverständlich Motte aus einem Glas trinkt. Sie sind genervt davon, dass sie immer die Trinkflasche mitnehmen müssen.
    Ich habe dann erklärt, warum wir das so machen, auch die Selbstdtändigkeit angesprochen, aber die beiden fanden es eher befremdlich. Natürlich soll ihr Kind selbstständig werden, aber es muss dabei doch nicht alles dreckig machen.
    Mir hilft es oft davon auszugehen, dass die meisten Eltern ihr Kund lieben und das beste geben um es auf dem Weg zu begleiten.
    LG, SaKo

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    1. Hallo Sako,

      ich glaube es gibt wohl nur ganz ganz wenige Eltern, die ihre Kinder nicht lieben und sie nur als Last sehen... und ich denke auch, dass bei vielen keine böse Absicht dahinter steckt ihren Kindern die Selbstständigkeit zu verwehren. Viele kennen es nicht anders aus der eigenen Kindheit oder meinen im ersten Moment es wäre leichter, nicht hinter herwischen zu müssen usw. Für viele ist die Möglichkeit ihre Kinder schon früh selbst essen zu lassen, sie früh in den Haushalt einzubinden usw. garnicht bekannt, viele wissen nicht wie früh Kinder schon selbstständig und aktiv sein können. Ich bin ja selbst immer wieder fasziniert, was das Herzkind schon alles kann. Bevor ich ein Kind hatte, dachte ich, dass sie in diesem Alter noch vollkommen unselbstständig wären... ich denke den "Fehler" machen viele und das sicherlich mit keiner bösen Absicht. Das würde ich niemandem unterstellen wollen.

      Liebe Grüße, Sabrina

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  5. Nur üben macht den Meister. Wie selbsttändig man sein Kind mit vier Jahren haben möchte, muss wohl jeder selbst wissen. Manche Eltern glauben auch Kinder würden es einfach lernen, wenn sie älter sind, leider stimmt es nicht. Ich hab auch mal ein Kind kennen gelernt dass sich mit sieben Jahren noch kein Brot schmieren konnte. Und was glaubst du...? Genau, die Eltern haben es immer gemacht, weil sie dabei immer so rum geschmiert hat. Es ist immer schwer andere Situationen zu beurteilen. Doch bei den Wörtern, "dann bleibst du eben hier" würde sich bei mir auch so einiges zusammen ziehen. Warum sagt man seinem Kind so etwas? Ich gehe mal nicht davon aus dass sie es auch getan hätten :-)

    GLG Bea

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    1. Hallo Bea,

      wirklich sehr schön von dir geschrieben. Wie sollen sie es lernen, wenn sie es immer abgenommen bekommen? Eine absolut berechtige Frage. Aber wie du selbst schreibst, die Eltern denken, irgendwann machen sie es schon selbst... ob es dann so sein wird... ich denke, dass auch viele Studien da leider dagegen sprechen.

      Nein, sie haben die Kleine zum Glück nicht dagelassen. Auch ein Thema: Dinge zu Kindern sagen und sie nicht so meinen... auch das kommt entsprechend bei Kindern an und sie lernen etwas dabei...

      Liebe Grüße, Sabrina

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  6. Oh je, das macht einen schon traurig - aber ich muss auch kritisch auf mich selbst gucken: im Alltag wird mein Kind auch gefüttert- ja, er darf matschen und bekommt immer eigenes fingerfood zum Brei dazu- doch ich füttere ihn. Ab wann hast Du denn angefangen sie selbst machen zu lassen? Unser kleiner hält seinen Eigenen Löffel stets begeistert im Händchen, aber damit Essen zu nehmen, auf die Idee kommt er bisher nicht. Jetzt ist er gerade acht Monate alt...auf jeden Fall geht es diese Woche zum Möbelschweden - Ganzkörperschutzanzüge besorgen ;-)
    Wie immer ein toller Beitrag - ich lesenhier wirklich gerne!
    Viele Grüße - Inga

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    1. Hallo Inga,

      mit 8 Monaten konnte der Zwerg auch noch keinen Löffel zielgerichtet zum Mund führen, das war dann doch eher Zufall ;)
      Zum Glück hab ich einen Blog und kann nachlesen, ich hätte sonst wohl schon alles vergessen. Unter Ernährung kannst du alles so ein bisserl verfolgen: http://wunschkind-herzkind-nervkind.blogspot.de/search/label/Ern%C3%A4hrung
      Mit 8 Monaten gab es schon Frühstück und Abendessen als Fingerfood, so dass er selbst eben mit den Fingern essen konnte, das Besteck gab es aber auch schon immer mit dazu, einfach zum probieren.
      Mittags gab und gibt es auch immer noch Brei bzw. jetzt Müsli und da ging es mit ungefähr einem Jahr los, dass er den Löffel zielgerichtet nutzte und dann wurde das selbstständige Löffeln von Mal zu Mal sicherer und mehr. Ich musste also nach und nach immer weniger noch mitlöffeln und helfen. Da habe ich mich nach ihm gerichtet, ob er Hilfe wollte oder nicht.

      Die Ganzkörperschutzanzüge vom Möbelschweden sind einfach super, würde ich nicht mehr missen wollen :)

      Liebe Grüße, Sabrina

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  7. Mein Gott... Dreck ist eben auch nur das: Dreck. Das stört niemanden außer die anderen, die meinen das arme Kind sieht doch total liederlich aus etc pp. Ja und? Es ist ein Kind verdammt nochmal, wenn man einmal im Leben dreckig sein darf, dann doch dann!

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