Dienstag, 18. März 2014

Faktor Zeit

Einen Teil eines der bekanntesten Zitate von Maria Montessori habe ich hier rechts in meinem Blog stehen. Meist liest man davon sogar nur noch die Textstelle "Hilf mir, es selbst zu tun". Dabei sollte dieses Zitat wirklich im Gesamten erfasst werden:

Hilf mir, es selbst zu tun.
Zeige mir, wie es geht.
Tu es nicht für mich.
Ich kann und will es allein tun.
Hab Geduld meine Wege zu begreifen.
Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche
ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche
machen will.
Mute mir Fehler und Anstrengung zu
denn daraus kann ich lernen.
- Maria Montessori - 

In diesem Zitat wird sie schon genannt! Die Zeit! Für unsere beschleunigte Welt, mit unseren übervollen Terminkalendern ist Zeit ein wichtiges Gut und muss oft genau durchgeplant sein. Und damit kommen wir nun schon zu unserem unvermeidbaren Konflikt mit dem Kind. Kindern ist der Faktor Zeit völlig egal! Sie wissen nicht was das ist, sie leben nicht nach der Uhr. Sie leben im Hier und Jetzt. Und mal ganz ehrlich, macht uns das nicht alle auch einfach etwas neidisch? Ich würde gerne mal den Hintergedanken an die Zeit abschalten können und den Moment einfach nur mal aufsaugen und so stehen lassen.
Für unsere Erwachsene ist es daher oft schwierig einfach nur mal daneben zu stehen und unsere Kinder bei ihrem Tun zu beobachten. Wie sie Handlungen ausführen, Handgriffe üben und erproben. Es juckt uns in den Fingern, ihnen helfen zu wollen. Zum Einen, um es ihnen nochmals zu zeigen, vielleicht haben sie es ja noch garnicht verstanden. Und zum Anderen, wenn uns mal wieder die Zeit im Nacken sitzt.

Vollführt das Kind aber langsame Bewegungen, dann kann der Erwachsene gar nicht anders als einzugreifen und sich an die Stelle des Kindes zu setzen. 
Statt dem Kinde also bei seinem wichtigsten seelischen Bedürfnissen zu Hilfe zu kommen, ersetzt der Erwachsene die kindliche Übungen durch seine eigene Fertigkeit, wann immer das Kind versucht, Handlungen zu erlernen. Er versperrt damit dem Kind jeden Weg zur Bestätigung und wird selbst zum gewichtigsten Hindernis für dessen innere Entwicklung. 
- Maria Montessori -

Natürlich ist es in diesem Moment einfacher für uns, wir gelangen schneller an das erwünschte Ziel und haben Zeit gewonnen. Dem Kind dienen wir damit nicht, wir behindern es in seinem Lernprozess. Wir schieben diesen Lernprozess somit nur auf oder unterdrücken ihn vielleicht sogar gänzlich. Wir können dem Kind nicht auf Dauer alles abnehmen:

Alle wirklich wichtigen Schritte muss jeder Mensch alleine tun [...] 
So ist es auch beim Kind: Es selbst muss tun, denken und fühlen. Es selbst hat die wichtige Aufgabe, aus einem Neugebornen mit seinem vielen Möglichkeiten den einmaligen Erwachsenen aufzubauen, der in der Gesellschaft handlungsfähig ist. Diese Entwicklungsaufgabe kann das Kind nur erfüllen, wenn es eigenständig handeln kann. 
- Sigurd Hebenstreit - 

Es braucht Zeit um Handlungsabläufe zu erlernen. Es braucht Zeit bis ein Kind seine Handmotorik und die einzelnen Schritte miteinander verbinden kann und es somit ein Ganzes ergibt. Für uns Erwachsene ist es Routine, wir wissen garnicht mehr, wie komplex unsere ganzen Handlungsabläufe sind, wieviel Schritte in ihenen eigentlich stecken. Daher hier mal ein kleines Bespiel aus unserem Alltag: Kaffee kochen!

Ich habe extra mal die Zeit gestoppt, um erfassen zu können, wie lange ich dafür brauche und wielange ich mit dem Herzkind dafür brauche. Koche ich Kaffee, halte ich meine leckere schaumig dampfende Tasse nach 2:49 Minuten in den Händen und kann sie genießen. Mit Kind gliedert sich das etwas anders...

"Herzkind, kommst du, ich möchte eine Tasse Kaffee"... der Zwerg schiebt seinen Lernturm Richtung Kaffeemaschine... denn er ist ja noch zu klein, um direkt an die Maschine zu kommen. Ich räume derweil schon die Tasse aus dem Schrank, richte Kaffeepads und Zucker. Sobald er den Lernturm erklommen hat, macht sich der Zwerg daran den Zucker einzeln in die Tasse zu geben. Dabei zähle ich laut mit und sage, wieviel wir noch brauchen. "Ok, noch einen Würfel... danke, wir sind fertig.... nein, keinen weiteren Zucker mehr.... leg ihn zurück....." Als nächstes den Pad in die Maschine einlegen... "nicht zusammen knüllen... einfach reinlegen... genau... und nun Deckel runter und zumachen..." Als nächstes muss die Tasse unter die Maschine. Die Tasse ist etwas größer und muss erst schräg gehalten werden, damit sie darunter passt. Das ist etwas knifflig und braucht daher auch immer etwas mehr Zeit und dann darf das Herzkind ENDLICH den Knopf drücken. Den würde er am liebsten schon zig mal vorher drücken, nur dann läuft das heiße Wasser überall hin, nur nicht durch den Pad in die Kaffeetasse. "Noch nicht Start drücken... erst die Tasse drunter.... auch jetzt noch nicht Start drücken, erst den Pad.... stop, noch nicht starten.... Deckel zu.... *innerlich tief ein und ausatmen*... warte.... moment.... *puh*... ok, jetzt" Während dieser ganzen Zeit, bereite ich die Milch im Milchaufschäumer vor, diesen Schritt haben wir noch nicht eingebaut, erst muss mal das Kaffeekochen alleine klappen. Bis ich also meinen fertigen Kaffee in der Hand halten darf, vergehen zusammen mit dem Herzkind 6:41 Minuten! Ein ganz schöner zeitlicher Unterschied, aber eines habe ich nicht, wenn ich alleine meinen Kaffee koche: Ein wundervolles selbstzufriedenes Lächeln, wenn mir mein kleines Herzkind am Ende noch den Löffel in den Kaffee steckt, weil er weiß, er hat das alleine machen dürfen ♥






Kommentare:

  1. Sorry, aber ein einjähriges Kind den Kaffee kochen zu lassen hat nichts mit "Hilf mir, es selbst zu tun" oder ähnlichem zu tun. Sondern ist schlicht und einfach absolut leichtsinnig. Ich bin ja schon gespannt, wie du reagierst, wenn dein Sohn sich den heißen Kaffee über die Hand schüttet. Alles halb so schlimm, oder? Nein, für so etwas fehlt mir das Verständnis. Und ich wüsste auch nicht, wieso es sinnvoll sein sollte, dass ein Kind Kaffe kochen kann.

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  2. Hallo St.,

    das war ein Beispiel von vielen, die ich listen könnte. Er hilft schon viel mit und will eben auch mal beim Kochen rumrühren, beim Kaffee kochen dabei sein und helfen usw. Wir stehen immer dabei, er ist nicht alleine. Es kann also nichts passieren und er spürt auch jetzt schon, dass eine Tasse weiter unten heißer ist, also weiter oben und wo er sie daher besser halten muss.
    Es geht nicht unbedingt darum, ob er Kaffee kochen kann oder nicht, nutze ihn ja nicht für mich aus ;) Aber wenn er sich den Lernturm von alleine da hin schiebt (so hatte es nämlich angefangen) und mithelfen möchte, dann lasse ich ihn auch mithelfen, denn wenn gewisse Punkte beachtet werden, ist es auch für das Kind nicht gefährlich.

    Liebe Grüße, Sabrina

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  3. Unsere Tochter macht auch gerne Espresso. Sie weiß auch, dass die Tasse heiß ist. Und selbstverständlich stehe ich daneben. Das Tablett mit dem Milchkaffee packt sie bei aller Liebe noch nicht die Treppe hinauf in unser Schlafzimmer. :-)
    Und ja, sie darf auch Messer haben, die scharf sind und Porzellan, in das man reinfallen u sich schneiden kann. Ihren Schneidezahn hat sie sich übrigens beim Aufheben eines Küchentuchs auf dem platten Boden ausgeschlagen

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    1. Hallo,

      hihi, das wäre doch was All-Inclusive-Service von unseren Kleinen. Das würde mir gefallen ;)

      Liebe Grüße, Sabrina

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  4. Ich finde es toll! Meine Große ist 3,5 Jahre alt und kann sich ganz allein den Tisch decken, sich ihr Brot schmieren(wenn ich alles aus dem Kühlschrank genommen habe), eigenständig essen und dabei helfen den Tisch wieder abzuräumen. Das hilft mir besonders dann wenn ich mit den 2 Kindern allein zuhause bin und gerade mit dem Baby beschäftigt bin weil es schreit oder ins Bett gebracht werden muss. Es passiert dann schon mal dass sie eine halbe Stunde alleine in der Küche ist, weil die Kleine zwischen 18 und 19 Uhr ihren Nachtschlaf antritt. Sie hilft mir am am Herd zu kochen! Manche Dinge die das Kind schon kann, sind im Alltag hilfreich auch wenn das Kind es selbst nicht "gebrauchen kann". Es kommt auf das Kind drauf an und wie sehr man seinem Kind vertraut. man sieht ja beim 1. Versuch ob das Kind schon bereit ist für diese Aufgabe oder nicht. Und es ist immer ein Angebot, es muss nichts, kann aber. Wenn meine Tochter mir beim kochen nicht helfen mag sondern lieber spielen will, dann ist das ok.

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    1. Hallo Cat,

      sehr schön geschrieben ♥ Danke dir!

      Liebe Grüße, Sabrina

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  5. Hallo Sabrina,
    mein Sohn ist genauso alt wie deiner (waren in der gleichen Liste :) und als ich grade deinen Zeit-Blog lass dachte ich: "Wow, das kann er schon. Da ist mein kleiner noch meilenweit entfernt" und dann fiel mir auf warum meiner solche Dinge (vielleicht) noch nicht kann: ICH bin der Grund. Ich habe ihm bisher solche dinge nicht zugetraut. Und ja wenn ich es selbst mache, gehts schneller. Aber so kann er nicht lernen wenn ich alles selber mache, um ein paar minuten zu sparen. Und oft hab ich ja die Zeit, versteh ganricht warum ich sie uns bisher nicht genommen habe.
    Vielen Dank fürs Augen öffnen. Ich werde UNS nun die Zeit lassen, die kleinen dinge im leben zu lernen.
    Liebe Grüße N@t

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    1. Hallo N@t,

      natürlich weiß ich wer du bist :)
      Ich freue mich, dass ich mit meiner eigenen Erfahrung auch für andere etwas tun kann. Trotzdem entwickeln sich Kinder im gleichen Alter natürlich nie gleich. Da müssen wir immer ganz genau beobachten, was wir mit ihnen nun Neues im Alltag erproben können ♥

      Liebe Grüße, Sabrina

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  6. Hallo Sabrina,
    schön, dass es noch andere Menschen gibt, die eine ähnliche Eintsellung haben. Meiner geht jetzt mit seinen 14 Monaten 16 Stunden an 3 Tagen in die Krippe und hat einen Oma-Opa-Nachmittag. Ich versuche nebenher mein Studium zu machen. Den Zustand haben wir noch nicht lange udn trotzdem merke ich jetzt schon, dass seine Eigeninitiative leidet. Denn in der Krippe sowie bei Oma Und Opa darf er weniger, weniger selbst und hat weniger Zeit. Zu hause zeigt sich es zB so, dass er jetzt wartet bis er auf seinen TripTrap gesetzt wird. Aber er kann es selbst. Es ist zwar anstrengend aber er kann es. Finde ich schade und ich weiß noch nicht was ich da machen kann.

    Zu dem Thema heiße Getränke: Dabei sein und aufpassen sollte in dem Alter in diesem Kontext noch heißen, die Tasse festzuhalten. Klar wissen sie schon, dass der Kaffee heiß ist. Wenn ihm die Tasse aber umfällt (und seien wir ehrlich, das passiert und heute noch manchmal), ist es aufgrund seiner Körpergröße wirklich gleich sehr gefährlich. Die Kleine von Freunden lag 10 Wochen bandagiert in der Klinik, mit Hauttransplantation udn ohne den Boden berühren zu dürfen. Was verbrennen angeht bin ich vorsichtig geworden. Wenn sie älter sind verändert sich die Fläche, ab der Verbrennungen gefährlich werden.

    LG
    Sand am Meer

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