Dienstag, 3. Februar 2015

Stillen im chemischen Beruf - Pro Langzeitstillen!

Langzeitstillen ist für viele in unserer Gesellschaft garnicht bekannt. Viele Mütter und Elternpaare entscheiden sich zwar während der Schwangerschaft für das Stillen, da sie wissen wie gut die natürlich gegebene Milch für das eigene Kind ist. Viele können durch die verschiedensten Gründe allerdings nicht lange stillen oder werden durch falsche Beratungen und Äußerungen zu einem verfrühten Abstillen gezwungen. Sätze wie "Ich hatte nicht mehr genügend Milch!" sind keine Seltenheit und zeugen leider noch oft von falschen bzw. keinen Beratungen durch so manchen Arzt oder auch Hebamme. Auch der gesellschaftliche Druck, welcher bei Stillkindern über 6 Monate schon beginnt (oft sogar noch früher!), ist nicht zu verdenken. Viele Mitmenschen können nicht mehr den Mund halten und meinen ihr "Fachwissen" zum Besten zu geben und bauen damit Druck auf. Schon die 1jährigen Stillkinder sind in unserer Gesellschaft extrem selten. 

2jährige Stillkinder sind eine absolute Minderheit und viele Stillmütter tragen das schon lange nicht mehr bewusst in die Öffentlichkeit. Viele dieser wenigen älteren Stillkinder werden sowieso nur noch zum Trösten oder Einschlafen gestillt. Wenn die Mütter nicht gezielt danach gefragt werden, wissen oft sogar engste Verwandte nicht, dass sie in ihrem Familienkreis ein Langzeit-Stillkind haben. Diese Mütter möchten Diskussionen vermeiden und legen den Mantel des Schweigens über das was sie für richtig halten und noch weiterhin tun. Das ist sehr schade, denn somit wird es auch in Zukunft schwierig werden, einen Status "normal" auch für das Langzeitstillen zu erreichen.

Ja, auch ich trug es nicht in die breite Öffentlichkeit und trug auch kein Schild um den Hals "Seht her, wir stillen noch". Es fragt aber auch keiner wirklich danach, denn jeder geht davon aus, dass man schon längst abgestillt haben müsste... 

Nun arbeite ich in einem chemischen Beruf und dort hätte ich den vollen Kontakt zu kompletten Bandbreite an chemischen Stoffen. Toxisch, krebserregend, mutagen, reproduktionstoxisch usw. Also viele Dinge, mit denen man nicht in Kontakt als stillende Mütter treten möchte. Was ist nun also zu tun?

Ich bin sofort zu meinem zuständigen Teamleiter und meiner Sicherheitsbeauftragten und habe ihnen gesagt, dass ich noch stille und ich somit nicht mit allen Stoffen arbeiten kann. Meine Kollegin informierte sich sogleich bei der zuständigen Betriebsärztin, mit was ich überhaupt arbeiten darf und für meinen Teamleiter war das ok. Niemand verlor ein Wort darüber, dass ich noch stille. Auch mein junger direkter Kollege und meine Kollegin (Mutter von drei Kindern), ebenfalls nicht. 

Gestern kam dann allerdings die erste Reaktion! Denn eine Art Supergau fand statt. Alle waren krank! Mir fehlten also meine direkten Kollegen, die mir die Stoffe einwiegen und vorbereiten konnten, mit welchen ich nicht arbeiten durfte. Ich musste mich somit an weitere Kollegen wenden. Diese dachten wohl zunächst alle, dass ich hierbei Hilfe benötigte, weil ich generell noch nicht komplett eingearbeitet bin und der eine Kollege wollte mich dann direkt unterweisen... ich berichtigte ihn dann sofort, dass ich dies alles wüsste, aber trotzdem nicht damit arbeiten würde, da ich noch stille. Im ersten Moment sagte er "Aha, ok, das wusste ich nicht. Ist in Ordnung." und dann im nächsten Moment drehte er sich nochmal zu mir um, schaute mich erstaunt an und fragte "Wie alt ist dein Kind?" - "Er ist nun 2 Jahre!" - "Und du stillst noch?" - "Ja, natürlich! Zum Einschlafen, als Trost und wenn er es eben braucht." - Die Augenbraue meines Kollegens wandert nach oben "Aha!" - "Ja, genau. Da gibt es natürlich viele Meinungen und das ist meine!" - Augenbraue meines Kollegens wanderte noch weiter nach oben... "In der Tat!" Damit war die Unterhaltung zunächst beendet.

Kurze Zeit später kam dieser Kollege nochmals zu mir und meinte "Das stimmt doch nicht, oder? Du stillst doch nicht wirklich noch?" Ich erwiderte sehr trocken und mit der vollsten Überzeugung "Soll ich meine Brüste auspacken und es dir zeigen? Ich kann das gerne so machen, wie damals Jürgen Drews Ehefrau in der Talkshow, in welche sie mit der Milch umher spritzte...." Mein Kollege lief rot an, stammelte und sagte "Ähm, nein, ich glaub dir ja, ist ok" Und damit war das ganze Thema dann erledigt. Ich muss jetzt noch schmunzeln, wenn ich an diese Szene gestern denke.

Ich hätte meinem Kollegen sicherlich noch viele Statistiken aufzeigen können. Wielange das durchschnittliche Stillalter der Welt überhaupt liegt oder wieviele wundervolle Nährstoffe und Immunglobuline auch jetzt noch in der Muttermilch enthalten sind und die meinem Kind helfen gesund und vital zu bleiben. Aber ich denke nicht, dass dies wirklich etwas ändern würde, denn Langzeitstillen ist gesellschaftlich noch lange nicht anerkannt und wird einfach nicht verstanden... denn Kinder können mit 2 Jahren schon lange alleine essen und auch sonst gibt es doch Ersatznahrung... da muss sich die Mutter doch nicht "aufopfern". Das Verständnis fehlt, weil es eben nicht gängige Praxis ist. Weil viele Mütter die aus gesellschaftlichen Druck abgestillt haben, es oft auch nicht zugeben wollen.

Wichtig für alle Langzeit-Stillmamis ist daher zu dem zu stehen, was sie tun! Und das mit voller Überzeugung. Ich stelle dies egal bei welchen Kontroversen immer wieder fest. Stehe ich hinter meiner Meinung und kann diese im Ernstfall bei Diskussionen auch noch untermauern, geht meinem Diskussionsgegenüber schnell die Luft aus oder lässt es erst garnicht zu einer Diskussion kommen, da sie sehen, ich stehe dazu! Ich bin überzeugt vom Langzeitstillen und das es meinem Kind weiterhin gut tut. Diese Haltung müssen Langzeitstillende haben, denn nur so fehlt es der Gesellschaft an jeglichen Möglichkeiten Kerben zu schlagen. 

Auch wenn es hier um Langzeitstillen geht, gilt dies grundsätzliche für jegliche Überzeugungen, die abseits der "Norm" unserer Gesellschaft liegen. Und was mir hier auch wichtig war zu benennen, denn oft ist auch dies ein Grund zum Abstillen: Der Einstieg ins Berufsleben ist niemals ein Grund um Abzustillen (wenn man es nicht selbst möchte)! Der Beruf ist kein Hindernis und niemand darf einen zum Abstillen zwingen! Das musste mal gesagt (geschrieben) sein!

Gemütliches und kuscheliges Einschlafstillen am Abend. Keine Zu-Bett-geh-Diskussionen. Der Zwerg darf bei mir sein, bis er müde ist und ich kann ihn schlafend in sein Bettchen legen. Ich erspare mir jeglichen Streß.

Kommentare:

  1. Toll, dass du zu deiner Überzeugung stehst - trotz all der vermeintlichen Hindernisse und Schwierigkeiten.

    Absolut wertfrei (da ich selbst - leider - noch keine Mama bin) meine Frage: Hast du denn für dich selbst eine "Deadline" für das Stillen oder lässt du es auf dich zukommen? Mich würde auch interessieren wie du das mit deinem Beruf vereinbarst, welche Arbeitszeiten hast du, pumpst du ab oder stillst du nur abends?

    Weiterhin alles Liebe, Julia

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    1. Hallo Julia,

      nachdem ich mir als einzigen Richtpunkt am Anfang setzte, ich will mindestens 6 Monate stillen und es nun schon soooo viele Monate wurden, habe ich mir keine weiteren Zeitpunkte gesetzt. Auch nachdem ich verplüfft feststellte, dass er sich von alleine abgestillt hatte, zeigt mir nur, es kommt sowieso alles anders wie man denkt und ich lass es auf mich zukommen :)

      Ich pumpe nicht ab, ist auch nicht notwendig, da er in diesem Alter das Stillen im Grunde nicht mehr zur Ernährung benötigt. Ich stille ihn daher meist nur noch Abends zum Einschlafen und immer mal dann wenn er Trost braucht und runterkommen muss. Das gibt er mir dann aber auch zu verstehen. Oft kommt es aber wirklich nicht mehr vor :)

      Liebe Grüße, Sabrina

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  2. Schön! Ich beginne in einem Monat wieder zu arbeiten und Sohnemann 15 Monate wird auch noch gestillt! Ich werde auch nicht abstillen und bin gespannt wie es läuft. Darf ich dich fragen, wie du es mit dem Schlafengehen tagsüber handhabst? Liebe Grüße, Vera

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    1. Hallo Vera,

      der Zwerg schläft tagsüber kaum noch und würde von alleine auch erst einschlafen, wenn er wirklich hundehundemüde ist. Er braucht fast immer noch mich und das Stillen, um einschlafen zu können.
      Meine Mama dreht daher Mittags meist eine Runde mit dem Kinderwagen und da schläft er zu 100% immer ein, wenn er müde ist. Man muss sich nur zu helfen wissen :)

      Liebe Grüße, Sabrina

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    2. Danke für deine Antwort! Ja bei der Oma wird das bestimmt kein Problem...aber 2x in der Woche sollte er bei der Tagesmutter schlafen. Ob das klappt, ich hab so meine Zweifel. Wenn nicht muss Mama ihre Arbeitszeiten wohl ändern.

      Alles Liebe. GLG

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  3. Das alles kann ich voll und ganz unterschreiben.
    Wir stillen noch mit 27 Monaten und ich behalte es größtenteils lieber für mich. Ich bin die Diskussionen einfach leid. Habe auch schon Kommentare bekommen, dass das Kind spaeter im Kindergarten ausgelacht wird, weil es noch stillt.
    Mir helfen solche tollen Blogs, wie deiner, mich nicht als komplett unnormal anzusehen.
    Bei der Geschichte mit deinem Arbeitskollegen muss ich schmunzeln. Hast du gut gelöst.
    Liebe Grüße

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    1. Hallo,

      ja, es ist wirklich gut, dass es die sozialen Netzwerke gibt und man so Gleichgesinnte findet. In meinem direkten Umfeld suche ich auch fast vergeblich nach Langzeitstillenden, mir würde spontan jetzt nur eine Bekannte einfallen. Schade.

      Liebe Grüße, Sabrina

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  4. Schöner Text.
    Magst Du auch hier wieder meine ähnlichen Erfahrungen nachlesen?

    http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2014/12/langzeitstillen.html

    Liebe Grüße und schönes Stillen weiterhin!

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  5. Liebe Sabrina, danke für deinen positiven Artikel zum Stillen! Mein Sohn ist fast 18 Monate alt und wir stillen auch 'noch'. Es ist schon etwas seltsam, dass unsere Gesellschaft doch in vielen Dingen so weit und fortschrittlich ist, aber bei den einfachsten oder natürlichsten Gegebenheiten so viel Wissen verloren gegangen ist bzw. falsches Wissen herumgeistert.
    Während meiner Schwangerschaft wusste ich zwar, dass ich gerne stillen möchte, aber von dem ganzen Drumherum hatte ich keine Ahnung. Meine Mutter erzählte mir, dass sie nach ein paar Wochen damals aufhören musste weil die Milch nicht ausreichte, Meine Schwester hat noch beigebracht bekommen, dass man aller vier Stunden stillen soll etc.. Als frisch gebackene Mama muss man heute erst mal viel Lesen, um einen Überblick zu bekommen oder man hat das Glück eine kompetente Hebamme zu haben.
    Und wenn man dann mal den Dreh mit dem Stillen raus hat, kommt immer wieder die Frage, wie lange man denn noch stillen will. Vor kurzem wollte mein Sohn auf einer Geburtstagsfeier bei Freunden unbedingt stillen und ja, es gab seltsame Blicke und auch Fragen. Das Schöne war, dass mein Mann in die Bresche sprang und lauthals sagte, warum man denn immer so ein Theater um sowas machen würde :-).
    Ich finde es ganz toll, dass du auch auf deiner Arbeit so offen damit umgehst, denn nur so können wir vielleicht für die künftigen Mütter das Ruder herumreißen und zukünftig wird das längere Stillen wieder das 'Normale'.
    Liebe Grüße!

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    1. Hallo Nadja,

      danke für deinen ausführlichen Kommentar! Auch dieser wird sicherlich vielen Leserinnen helfen, bei ihrem Überlegungen zur Stilldauer :)

      Liebe Grüße, Sabrina

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  6. Danke für deinen Artikel, du machst das echt toll!
    Mein Trolljunge ist jetzt bald 20 Monate alt und stillt nur noch alle 2 bis 3 Nächte. Nachdem er tagsüber nur noch genuckelt hat war mir das dann irgendwann zu blöd... Aber es war total schwer für mich, da er wahrscheinlich mein letztes Baby sein wird, schnüff ;)
    Beim ersten Kind war mir das Stillen irgendwann fast peinlich, ich hatte wenig Rückhalt und bekam oft blöde Kommentare zu hören, so das ich meine Große mit 1 1/4 Jahren abstillte. Mit dem Trolljungen war ich dann in einer Stillgruppe, und sagen lassen hab ich mir irgendwann eh nicht mehr viel...
    Ich wünsch dir auf jeden Fall weiterhin passende Sprüche auf den Lippen und gute Nerven!
    glg Julia

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    1. Hallo Julia,

      ich kann dich total verstehen, ich werde es sicherlich auch irgendwann vermissen, wenn die Stillzeit vorbei sein wird. Dieses innige Band ist einfach unbeschreiblich.

      Liebe Grüße, Sabrina

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  7. Es tut so gut, das mal zu lesen! Wir stillen zwar seit dem 18. Monat nicht mehr, aber selbst bis dahin waren diese blöden Kommentare echt nervig. Mir macht es Angst, dass eine Bekannte (als Frauenärztin!)ihren 4 Monate alten Jungen abgestillt hat, weil sie ihren Körper für sich haben wollte, und es ärgert mich, wenn ich zum Arzt gehe und der mir sagt: weg damit, der Junge ist alt genug. Auch die negative Haltung aus der Familie oder das Belächelt werden stinkt zum Himmel! Aber man lernt eben jeden Tag dazu, was für einen selbst das beste ist, die positive Einstellung des Papas ist dabei eine große Hilfe. Und plötzlich mochte unser Zwerg nicht mehr und genießt ohne Brust das Familienbett:-)

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  8. Ich habe meinen Großen 19Monate gestillt. Dann musste ich leider aus beruflichen Gründen 2Wochen verreisen. Die abgepumpte Milch wollte er in der Zeit nicht haben. Als wir uns dann endlich wieder hatten, hat es leider einfach nicht mehr geklappt. Ich war totunglücklich und es tut mir bis heute weh. Es kam so plötzlich und ungewollt und ich hatte einfach das Gefühl, er braucht es noch. Ich hoffe von Herzen, dass ich meinen Kleinen stillen kann, bis wir beide bereit sind es zu beenden.
    Obwohl er erst 8Monate ist, hagelt es aus allen Ecken: "Wie du stillst noch?" "Wie kommt es das er noch nicht verhungert ist" etc. Besonders die Großeltern sticheln. (Dabei habe ich gehofft, dass es beim 2ten Kind besser wir-Pustekuchen)
    Ich wünschte manchmal ich hätte ein dickeres Fell. Das ist nämlich sehr sehr belastend.

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  9. Hallo Sabrina!

    Vielen Dank für deinen Artikel, er spricht mir wie immer aus der Seele :-)
    Meine kleine Maus ist fast 7 Monate und wir treffen jetzt schon auf die ersten irritierten Gesichter, weil wir "immer noch" stillen - ob sie denn noch keine Beikost bekommen würde?
    Motte und ich finden das Stillen klasse und ich hoffe, es noch sehr lange machen zu können. Ich halte das mit einer sehr guten Freundin, die auf überflüssige Kommentare zum Langzeitstillen nur antwortet: "There is just one thing to say: It's absolutely none of your business." (Sie ist Engländerin ;-))

    Alles Liebe dir und deinem Herzkind!

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