Dienstag, 5. April 2016

Leitwölfe sein - Liebevolle Führung in der Familie


Wieder ein Buch von Jesper Juul!  Leitwölfe sein! Man fragt sich da sicherlich, was will er denn noch schreiben? So vieles hat er schon beleuchtet und vielen Familien in schwierigen Krisen und durch neue Lebensphasen geholfen.

Diesmal soll das Thema "Liebevolle Führung" im Vordergrund stehen. Wie kommt er denn darauf, darüber ein Buch zu schreiben? Was hat ihn dazu veranlasst? 

Jesper Juul setzt sich dafür ein, dass Kinder in gleichwürdigen Beziehungen leben können, um so zu starken Persönlichkeiten heranzuwachsen. Leider wird dies für viele von uns eine große Herausforderung sein, denn oft sind wir in unserer eigenen Kindheit so nicht aufgewachsen.

Sie möchten, dass ihre Kinder aufblühen und ihr individuelles Potenzial entfalten können ohne das sie selbst diesen Prozess durchlaufen hätten, und das schränkt natürliche ihre Kompetenz als Wegweise für ihre Kinder ein. Ich meine das nicht als Kritik an Eltern und Pädagogen. Ich möchte damit nur veranschaulichen, dass sie sich einer Herausforderung stellen, für die sie ihre eigene Erziehung nicht ausreichend qualifiziert hat, und das ist wirklich ein mutiges Unterfangen.

Wir schenken ihnen das Leben, und im Gegenzug geben sie uns den Ansporn, unser eigenes Leben zurückzuerobern. Jedes Mal, wenn Sie mit Ihrem Kind einen Konflikt haben oder wenn Sie sich verzweifelt und hilflos fühlen, ist das eine Gelegenheit, das für Ihr inneres Kind zu tun, was Ihre Eltern nicht tun konnten.

Niemand sagt, dass es einfach ist in einer gleichwürdigen Beziehung zu leben, auch Juul nicht. Gerade weil wir oft selbst nicht so aufgewachsen sind. Gemeinsam mit unseren Kindern lernen wir in solch einer neuen Form der Familie anzukommen und wie eine gleichwürdige Beziehung funktioniert. Wie ich die Intigrität von allen Familienmitglieder achte und wahre. 
Wir müssen und wir dürfen Verletzlichkeit zeigen und authentisch sein, nur so sehen unsere Kinder wer wir sind und was wir wirklich möchten.

Wieso müssen wir unsere Kinder eigentlich führen? Heisst es nicht immer und überall, dass Kinder schon kompetent auf die Welt kommen? Das sie schon wissen, was sie brauchen und benötigen und ihre Bedürfnisse einfordern?

Das stimmt schon! Doch leider fehlt unseren Kindern die Erfahrung der Welt. Dafür sind wir Erwachsene, wir Eltern da. Hier setzt die liebevolle Führung, das "Leitwolf sein", von Jesper Juul an. Dabei geht es aber eben nicht darum, wie schon erwähnt, über dem Kind zu stehen und das dieses zu gehorchen hat. Natürlich haben wir Erwachsene die Macht, wir müssen in vielen Dingen für unsere Kinder Entscheidungen treffen, da wir die Verantwortung und die Erfahrungen haben. Allerdings bestimmt die Art der Führung sehr entscheidend unser Zusammenleben und wir sollten uns bei unseren Entscheidungen auch immer fragen: "Würden wir so mit einem Erwachsenen umgehen? Würden wir so mit unseren Partner umgehen?" 

Nein, gleichwürdig heisst nicht gleichberechtigt, dies erwähnt Juul immer wieder. Daher ist Führung nicht einfach. In Beziehungen leben ist nie einfach. Möchten wir allerdings wirklich Kinder, die stark sind, nicht nur körperlich, sondern gerade seelisch, die resilient sind, mit einem gesunden Selbstwertgefühl, dann ist die Art der Führung, die Art des Zusammenlebens mit unseren Kindern entscheidend.

Nein, Jesper Juul kann uns auch in diesem Buch keine Patentlösungen bieten, denn es gibt nicht DIE Familie. Jede Familie bringt ihre eigene Vergangenheit, ihre eigenen Erfahrungen mit und so ist jede Beziehung einzigartig. Jeder hat eigene Bedürfnisse, Wünsche, Träume und Ambitionen die Achtung finden müssen. Das Buch gibt viel Hilfestellung, viel Stoff zum Nachdenken: über "die eigene Kindheit, über die eigene Erziehung und über die Beziehung zum Partner und den eigenen Kindern. 

"Wie kann ich andere Menschen führen, ohne sie zu verletzen?" Das ist die große Frage, sie ist Thema dieses Buches, aber noch lange nicht beantwortet, und sie stellt sich Eltern jeden Tag.

* Das Buch wurde mir freundlicher Weise zur Rezension vom Beltz-Verlag zur Verfügung gestellt.Alle Zitate stammen von Jesper Juul. Dieser Beitrag enthält einen Affiliate-Link.

Kommentare:

  1. Liebe Sabrina, ich bin ähnlich wie du auch zur Zeit stark auf der Suche nach dem richtigen Maß an Führung für meinen bald Dreijährigen. Du fragst "Würden wir so mit einem Erwachsenen umgehen? Würden wir so mit unseren Partner umgehen?" Doch im nächsten Satz "Nein, gleichwürdig heisst nicht gleichberechtigt, dies erwähnt Juul immer wieder." Tatsächlich ist mein Partner mir aber gleichberechtigt, im Sinne von Verantwortung und Lebenserfahrung. Er ist erwachsen so wie ich und kann im Prinzip alles selbst entscheiden. Er muss nicht um Erlaubnis bitten, ob er jetzt raus kann oder einen Kaffee trinken. Mein Kind hingegen sollte im besten Falle nicht einfach die Schuhe anziehen und auf die Straße laufen oder eigenständig den Süßigkeitenvorrat plündern. Gleichwürdig bedeutet für mich in erster Linie das Ernst nehmen und begleiten aller kindlichen Gefühle und die emotionale Hilfe zu geben, die es braucht um zu kooperieren, auch wenn es gerade etwas anderes will als der Leitwolf. Spannendes Thema auf jeden Fall. Für dich bestimmt umso mehr, wo ihr jetzt zwei Jungwölfe im Ruder habt. ;-) Viele liebe Grüße, Jitka

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    1. Hallo Jitka,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Da hast du natürlich vollkommend recht, das ist natürlich ein springender und wichtiger Punkt!
      Ich möchte dennoch anmerken, die Punkte in denen ich wirklich für mein Kind entscheiden muss, in denen es kein Mitspracherecht hat, sind im Alltag gesehen, doch eher gering.
      Denn wieso soll es nicht selbstbestimmt in seinem Essverhalten sein? Wieso soll ich im Grenzen dabei setzen? Ist es nicht sinnvoller vorab zu schauen, was sich in diesem "Süßigkeitenschrank" befindet? Was ich meinem Kind anbieten kann? Der Osterkorb meines Sohnes ist jetzt noch zur Hälfte gefüllt,er darf selbstbestimmt über diese Süßigkeiten entscheiden.
      Das war jetzt ein Beispiel und es gibt noch viele weitere im Alltag. Daher finde ich das Beispiel mit dem Partner doch sehr treffend. Nicht in allen Punkten, da gebe ich dir völlig recht.
      Mal sehen, wie ich den Punkt oben im Beitrag vielleicht treffender umschreiben kann.
      Danke dir!

      Liebe Grüße, Sabrina

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  2. Liebe Sabrina, danke für deine Antwort. Vielleicht war das Beispiel mit dem Süßigkeitenschrank (den es so bei uns im übrigen auch nicht gibt) etwas unglücklich gewählt. Sollte es doch nur verdeutlichen, dass Kinder per se nach dem Lustprinzip denken und handeln. Im Gegensatz zu uns Erwachsenen, die vorausschauend planen müssen, damit die Bedürfnisse aller Familienmitglieder berücksichtigt werden.
    Interessant dennoch, was du über das Essen schreibst. Ich zum Beispiel habe das starke Bedürfnis, in Ruhe mit meiner Familie gemeinsam zu essen. Wenn mein Kind zwischendurch eigenständig snacken und naschen könnte, wären wir weit davon entfernt. Dadurch, dass ich sehr genau vorgebe, wann und was mein Kind essen darf, klappt es inzwischen wunderbar mit den gemeinsamen Mahlzeiten. Aber das ist vielleicht vor allem unser Thema und nicht zu verallgemeinern. Ich mag deinen Blog übrigens total gern. Deine Kinder haben eindeutig ein großes Glück, bei dir/euch gelandet zu sein. LG Jitka

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    1. Hallo Jitka,

      ich danke dir für dein Lob :)

      woher stammt denn dieser schöne Namen?

      Ich weiß natürlich nicht, wie es mal bei der Tochter sein wird, mit dem Sohn klappt das zwischendurch snacken allerdings sehr gut. Natürlich nicht immer, aber wir Erwachsenen haben ja auch manchmal früher oder später Hunger und wir können ja doch noch besser aushalten, wenn es sein muss und manchmal aber auch nicht und wollen früher essen. Ich bitte meinen Sohn auch öfters mal zu warten oder frage ihn ob er nicht doch noch warten kann, da es bald Essen gibt und meist klappt das dann auch.
      Hm, ich denke nicht unbedingt das sie nur nach der Lust handeln, Hunger ist ja schließlich keine Lust auf etwas, sondern ein Grundbedürfnis unseres Körpers und die Kinder haben ja meist doch noch einen deutlich höheren Stoffwechsel als wir und Zwischenmahlzeiten werden dann auch mal nötig.

      Aber wir sind dann natürlich trotzdem wieder bei den Bedürfnisse und den Wünschen. Manche können das früher, manche etwas später für sich selbst entscheiden.

      Mein Sohn geht zwar auch selbstbestimmt schlafen, doch manchmal merke ich, dass er doch Hilfe braucht. Dann frage ich ihn, ob ich nicht doch jetzt schon mit ihm ins Bett gehen soll, da er müde wirkt und warte nicht, bis er auf mich zu kommt. Sonst würde es deutlich später werden, weil er sich irgendwie nicht lösen kann, obwohl er sich schon die Ohren knautscht vor Müdigkeit :)

      Liebe Grüße, Sabrina

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  3. Hallo Sabrina, meinen Namen habe ich aufgrund seines schönen Klanges verliehen bekommen ;o), im Urspung ist er aber tschechisch.
    Ach ja, immer diese vielen Begrifflichkeiten!
    Ich meinte mit Lustprinzip folgende Definition: "Das Lustprinzip ist ein Begriff innerhalb der klassischen psychoanalytischen Theorie von Sigmund Freud. Er bezeichnet das Streben des Es (das Unbewusste in der menschlichen Psyche) nach sofortiger Befriedigung der ihm innewohnenden elementaren Triebe bzw. Bedürfnisse. [...]"

    Dies ist die Art und Weise, wie Kinder (je jünger, desto stärker) ihre Handlungen motivieren im Gegensatz zum Erwachsenen, der kognitiv in der Lage ist, sofortige Trieb/Bedürfnisbefriedigung hinten anzustellen, um ein höheres Ziel zu erreichen.
    Damit will ich sagen, dass ein zweijähriges Kind m.M.n. nicht in der Lage ist, von selbst auf die Idee zu kommen: „Der Hunger, den ich gerade spüre ist noch nicht so stark, also lass ich die Schokolade liegen und warte noch 20 Minuten ab, bis Mama das Essen fertig hat, denn das gemeinsame Essen befriedigt unser aller Bedürfnisse nach Rhythmus, Sicherheit, Gemeinsamtkeit usw.“
    Bis zum zweiten Geburtstag habe ich die Nahrungsaufnahme übrigens komplett laufen gelassen (kindbestimmt), aber da ich mit dem Ergebnis insgesamt immer unzufriedener wurde, läuft das Ganze hier jetzt seit etwa 4 Monaten deutlich mutterbestimmter ab und das ist viel zufriedenstellender für uns alle, wie ich finde.

    Das heisst ja nicht, dass das selbstbestimmte Snacken -wie bei euch offensichtlich- nicht auch gut klappen kann. Zum Beispiel, weil das Kind eh ein guter Esser ist und es keine Rolle spielt, ob es 20 Minuten vorher schon drei Kekse gegessen hat (bei und ist das eher so) oder weil es kein allzu ausgeprägtes Interesse an Süßigkeiten hat (hier ebenfalls ein wichtiger Faktor) oder es bereits einen guten inneren Rhythmus hat und rechtzeitig zu den Mahlzeiten hungrig wird oder dergleichen.
    Und versteh mich nicht falsch: Mein Kind bekommt natürlich Zwischenmahlzeiten :o) Aber wie gesagt, entscheide ich in Anbetracht unserer Aktivitäten und der Uhrzeit, wann und was es zwischen den Hauptmahlzeiten gibt. Das Wieviel entscheidet er dann schon immer selbst - abgesehen von echten Süßigkeiten- denn ich biete ja in der Regel gesunde Snacks wie Rohkost, Reiswaffeln, Joghurt usw. an. Da reglementiere ich die Menge überhaupt nicht, ebenso wenig bei den Mahlzeiten. Und Obst bekommt er zum Nachtisch immer und so viel, wie er möchte. Übrigens denke ich, dass ein wenig Hunger aushalten lernen – natürlich dem Alter, dem Erschöpfungszustand und dem jeweiligen Tagesprogramm angemessen- ebenso zur Entwicklung dazu gehört und durchaus gesund für das Kind ist (Stichwort Überflussgesellschaft). Aber das ist wieder ein anderes, spannendes Thema. Ich finde es ganz großartig, mich über diese Dinge mit anderen Sich-auch-viele-Gedanken-Machenden austauschen zu können. Beste Grüße, Jitka

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  4. Liebe Sabrina,
    unser Austausch hier hat mich nochmal veranlasst, etwas intensiver über das Thema Essen und die kindlichen Bedürfnisse, so wie ich sie verstehe, zu reflektieren.

    Falls Du Lust hast, schau doch mal bei mir vorbei, was ich zu dem Thema geschrieben habe: http://bluebottles.net/2016/04/25/das-beduerfnis-nach-rhythmus/

    Ich habe den Eindruck, der größte Unterschied in unser beider Erziehungsstil ist vermutlich der, dass ich mittlerweile die "Selbstbestimmung" des Kindes mit anderen Augen sehe, als noch vor einigen Monaten und einen neuen Blick auf die Entwicklung des Kindes innerhalb des (durch die Eltern) vorgegebenen Rahmens (Schutzraum) bekommen habe. Ich sehe es inzwischen so: die naturgegebenen Bedürfnisse und im Menschen wirkenden Lerngesetze wurden über Tausende von Jahren intuitiv ins Alltagsleben mit eingebunden. Dagegen Stegen wir heute vor der Herausforderung, nach einem immensen Verlust an Tradition, Stabilität und Familienstruktur innerhalb weniger Jahrzehnte einen neuen, integrativen Ansatz finden, in dem die guten Seiten der freilassenden, selbstbestimmten Erziehung dem Kinde zugute kommen, ohne es wiederum zu überfordern...
    Viele herzliche Grüße
    Jitka

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